AKTUELLES

Kommunikation

Die Wegweiser Platons zum geistigen Pfad

„Wer aber all sein Bemühen auf die Bereicherung des Wissens und den Erwerb wahrer Erkenntnisse gerichtet und diesen Teil seiner Seelenkräfte vor allem in reger Tätigkeit erhalten hat, der muss notwendig, insofern er die Wahrheit erfasst, unsterbliche und göttliche Gedanken in sich tragen und wird seinerseits, soweit die menschliche Natur für Unsterblichkeit empfänglich ist, es in dieser Beziehung an nichts fehlen lassen. (Timaios - ›Über die Natur‹)
Platon hat uns ein großes und »einleuchtendes« Werk hinterlassen, das im geeigneten Schüler »Leucht­spuren« hinterlassen kann und soll. Eine Leuchtspur kommt aus dem Licht oder aus dem Feuer (der Begeisterung) und wir spüren dabei Licht und Wärme, und dieses warme Licht kann in der Seele etwas Neues beleuchten und damit ein neues Bewusstsein bewirken. Dieses neue Bewusstsein in der Seele zur Geburt zu bringen ist das wichtigste Ziel Platons. Dazu sollen wir zum Ersten versuchen, die in unserer Seele schlummernde göttliche Vernunft und ihre Herkunft zu entdecken und zweitens die Bedeutung der philosophischen Weisheit erkennen, welche der göttlichen Vernunft in unserem Wesen zum Durchbruch verhelfen kann. Wichtig ist aber auch, dass wir durch vernünftige, natürliche Lebensweise unserer Seele einen gesunden Körper zur Verfügung stellen, damit sie in ihrem Leben ein verlässliches Fahrzeug zur Verfügung hat, mit dem sie sich möglichst »ohne Pannen« bewegen kann, wohin immer es auch notwendig ist.
Ob nun ein Mensch die Lehre Platons verstehen kann, hängt weitgehend von seinem Seelenbewusstsein ab. Dazu braucht es die Bereitschaft zur »Umwendung der Seele«. Einer Wandlung vom Materiellen zum »Ideellen« und von Triebhaftigkeit zu »Vernunftbestimmt«. Ohne diese Wendung der Seele und der damit verbundenen Tat bleibt die Erkenntnis aus. Der Fehler für dieses mangelnde Verständnis liegt dann aber nicht bei Platon oder dem häufig als Dialogführer auftretenden Sokrates, sondern bei uns selbst. Platon versucht, uns mit seiner Philosophie einen Weg zum Erkennen der Wahrheit, welche diese Umwendung bewirken kann, zu weisen und setzt uns damit quasi einen Wegweiser zum geistigen Pfad. Zum Finden einer »Höheren Wahrheit« ist Weisheit aber auch Glauben – wenn auch kein blinder - erforderlich, denn dieser weist auf ein inneres, individuelles Wissen hin, welches zwar nicht bewiesen aber dennoch erkannt werden kann. Die Philosophie Platons ist unserer angestrebten Bewusstseinsentwicklung  auf zwei Stufen von großem Nutzen. Zunächst führt sie uns ein Welt- und Menschenbild vor Augen, welches in uns den schon angesprochenen Funkensprung auslösen kann. Dieser Funkensprung bedeutet, dass ein Licht in unserer Seele aufleuchtet und wir erkennen, dass die Philosophie, die Künste und das Gute für uns zu einem wichtigen Lebensinhalt werden können. Denn allein der Entwicklung der Seele wird in der Philosophie Platons Bedeutung zugemessen. Zum Zweiten gibt uns die platonische Philosophie auch die Werkzeuge in die Hand, die wir brauchen, um auf diesem Pfad voranzukommen. Sokrates steht uns dabei als »Pfadfinder« zur Verfügung, der unsere Seele zu einer Wirklichkeit führt, die in uns auch etwas bewirken soll. Lässt unsere Seele nämlich die Gedanken und Ideen Platons als geistige Impulse wirken, so werden diese Gedanken und Vorstellungen auch Wirklichkeit. Und in dieser Wirklichkeit können wir im sichtbaren Universum eine »Göttliche Fußspur« zwar nicht unmittelbar erkennen, aber diejenigen, die sich ernsthaft mit Philosophie beschäftigen, werden klare Umrisse dieser Fußspur sehen und eine deutliche Sicht dorthin bekommen, wo wir uns den Himmel vorstellen und wo Platon diesen klar erkennen konnte.
In der Platonischen Akademie wurden die ewig gültigen Gesetze gelehrt. Diese beruhen auf Ideen und Prinzipien, die von der Philosophie als »Das Seiende« bezeichnet werden. Dabei wird uns vor Augen geführt, in welchem Zustand wir uns befinden, wenn wir in dieser Welt geboren werden, und schließlich wird uns der Weg aufgezeigt, wie wir unsere in der sichtbaren Welt der Erscheinungen wurzelnde Abhängigkeit (die Bindung an die Illusion bzw. Materie) überwinden können, um unser Bewusstsein so weit es geht an der denkbaren Welt der Ideen und Prinzipien zu orientieren.
Das Ziel des Philosophen muss es sein, diese eine Wahrheit zu suchen; und wenn er diese erkannt hat, danach zu leben. Wahrheit auf diese Weise zu verstehen ist etwas, das immer Gültigkeit besitzt und zu allen Zeiten für alle Menschen gültig war. Um nun ein Schüler dieser Platonischen Akademie zu werden, bedurfte es laut Platon, wie er in seinem berühmten 7. Brief schrieb, zweier Voraussetzungen, welche auch heute noch Gültigkeit haben: „… nämlich Fassungskraft und Gedächtnisstärke einerseits und innerliche Verwandtschaft mit der Sache andererseits.“
Das heißt, wir müssen auch in der Lage sein, klar und konzentriert zu denken und uns mit dem, was wir aufgrund unseres Denkens an Erkenntnissen gewonnen haben und folglich TUN wollen, innerlich identifizieren, sprich mit dem Herzen dabei sein. „Des Weiteren“, sagt Platon, „bedarf es unermüdlicher Anstrengungen und reichlichen Zeitaufwands, um alle Anschauungen und Widerlegungen in versöhnlichem Tone zu erörtern.“
Das ist eine wichtige Eigenschaft für einen Philosophen oder jemand, der dies jedenfalls werden will – dass er nämlich in der Lage ist, einen Dialog ruhig und überlegt zu führen, um zum Schluss zum Ziel der Dialektik zu gelangen, welches „die Gewinnung einer höheren Erkenntnis durch die Synthese von Rede und Gegenrede, aber auch durch geschickte Fragestellung“ sein sollte. In seinem 7. Brief beschreibt Platon des Weiteren die Schwierigkeiten, welche den erwarten, der sich ernsthaft der Philosophie widmen will: „Man muss nämlich solchen Leuten die Aufgabe in ihrem ganzen Umfang, muss das Eigentümliche des Gegenstandes, die zahlreichen Schwierigkeiten und die große dazu erforderliche Mühe deutlich zu erkennen geben. Ist nämlich, wer das hört, ein wahrhafter Freund der Weisheit, innerlich mit ihr verwandt und als Gottbegeisterter berufen sich mit ihr zu befassen, so glaubt er Kunde erhalten zu haben von einem Wege, der in ein Wunderland führt, das zu erreichen er fortan alle Kraft einsetzen müsse … Und so mutet er denn sich und dem Führer auf diesem Wege die äußerste Anstrengung zu und lässt nicht locker, bis er entweder das Ziel erreicht oder die Fähigkeit erlangt hat, ohne den Wegweiser sein eigener Führer zu sein.“
Hier wird wieder deutlich, dass der philosophische Weg oder der geistige Pfad kein einfacher ist, und dass es durchaus eines inneren Feuers und auch äußerer Kraftanstrengung bedarf, um ihn auch unbeirrt zu verfolgen. Aus Platon Philosophie können wir für uns zwei Zielsetzungen ableiten: Nämlich erstens die Darstellung eines Welt- und Menschenbildes, welches beim geeigneten  Schüler diesen schon erwähnten Funkensprung, ein Licht in der Seele auslöst – und wenn der Funkensprung, d. h. die Einsicht in die Wahrheit der platonischen Philosophie erfolgt ist – dann zweitens den Stufenweg der Erkenntnis zu gehen, welcher uns zu Philosophen werden lässt, die in ihrer Seele das Gute und die Gerechtigkeit erkennen und nach dieser Erkenntnis auch leben wollen, d. h. dann auch selbstständig den geistigen Pfad zu beschreiten.
Über dieses Erkennen schreibt Platon wieder in seinem 7. Brief: „Von dieser Anschauung durchdrungen und von diesem Triebe erfüllt, geht ein solcher seinen Berufsgeschäften zwar nach, welcher Art sie auch sein mögen, er bleibt aber vor allem immer der Philosophie treu ergeben und ist bedacht auf eine alltägliche Lebensweise, die seine Fassungskraft, sein Gedächtnis und sein Denkvermögen bei innerer Nüchternheit bis zum denkbar höchsten Grade steigert, während das Entgegengesetzte ihm für immer aufs Tiefste verhasst ist.“
Platon zeigt uns in seinen Gleichnissen Folgendes auf:
1. in welchem Zustand wir uns befinden – nämlich in einer dunklen Höhle (Höhlengleichnis);
2. wo sich das wahre Leben befindet – in der Erkenntnis der Idee des Guten (Sonnengleichnis);
3. welche Stufen wir erklimmen müssen, um eine Erkenntnis von der Idee des Guten zu erlangen (Liniengleichnis).
Sokrates, den Platon uns in seinen Büchern oft als »Seelenführer« vorstellt, hat von seinem »Daimon«, der göttlichen Stimme in ihm, gesprochen. Die Qualität dieses »Göttlichen« in uns ist abhängig vom Grad der Teilhabe an der göttlichen Vernunft. Wir haben demnach Anteil an der göttlichen Welt und diese kann sich uns auch offenbaren. Bei Sokrates kam diese Offenbarung sehr stark zum Ausdruck, bei uns wird sie wiederum weniger stark spürbar sein – weil unsere Seelen meist übermäßig mit dem irdischen Ballast behaftet sind. Unser Denken ist, wie uns die aristotelische Philosophie lehrt, meist im Sichtbaren verhaftet, während die Welt der Ideen uns als Quelle der Wahrheit meist noch fremd ist. Und die Existenz eines Geist-Seele-Menschen ohne eine sichtbare Körpergestalt übersteigt unsere Vorstellungskraft ohnehin zumeist ziemlich weit.
In der Welt, in der wir jetzt leben, ist es nicht zum Guten bestellt. Jedes Lebewesen lebt zumeist auf Kosten von anderen Lebewesen. Es dominiert die Selbstbehauptung, und die Naturgewalten, ein ständiger Zeitdruck und Streitigkeiten untereinander tragen auch noch das ihre dazu bei, uns das Leben und das Zusammenleben zu erschweren. Es sieht so aus, als ob bei der Erschaffung der sichtbaren Welt nicht beabsichtigt gewesen wäre, ein Paradies zu errichten. Wir versuchen zwar wo immer es geht, in kleinen Zonen um uns herum, so etwas Ähnliches wie einen paradiesischen Zustand zu schaffen – müssen aber häufig erkennen, dass dies nur Illusion ist und auf keinen Fall von Dauer sein kann. Platon hat uns aber auch hier ein »Rezept« hinterlassen, das bei vernünftiger Anwendung der Zutaten durchaus zu einem guten Zusammenleben führen kann. Das abendländische Denken entfernte sich zwar aufgrund der Bevorzugung der aristotelisch-thomistischen Lehrmeinung durch die Kirchenobrigkeit immer weiter von Platons Ideen, und man hört immer wieder, dass Platon Lehren über die Künste und das Gute überholt seien. Doch diese Kritiken greifen zu kurz. Platons Betrachtungen über diese und auch andere gesellschaftliche Themen sind erstaunlich aktuell.
Wenn weiter oben über die »Künste« geschrieben wurde, dann war damit im Besonderen die »Kunst des guten Zusammenlebens« gemeint. Diese Kunst trägt nämlich ganz wesentlich zu einem Wohlfühl-Empfinden in uns und unserer Umgebung bei. Wer nämlich bereit und gewillt ist, einen Weg nach der Idee des Guten, also einen geistigen Pfad zu gehen, kann das viel einfacher in einer harmonischen Umgebung. Aber zurück zu Platon, der mit seinem Gesamtwerk eine gewaltige schöpferische Leistung vollbracht hat. Seine Philosophie erhebt ja den Anspruch, alle Bereiche des menschlichen Lebens zum Gegenstand des rationalen Denkens zu machen und auf bestimmte Prinzipien, Archetypen oder Ideen zurückzuführen. Und hier, bei den Prinzipien können wir einhaken, denn Platons Interesse galt einer Prinzipienlehre, die die Grundlage der Politik, also des Zusammenlebens in einer polis, einer Gemeinde, bilden sollte. Und sein »Erstes Prinzip« handelt vom Guten. Das Gute ist Platons höchste Idee, sie ist das Prinzip aller anderen Ideen und gehört einer höheren Ordnung an. Zugleich ist sie letztes Ziel und Sinn allen menschlichen Handelns. Nicht allein die Tugenden, sondern das Wesen von allem wird erst durch das Gute erkannt. Denn nur wenn der Mensch weiß, wofür ein Ding »gut« ist, ist er auch in der Lage, sein wahres »Wesen« zu erkennen. Hier zeigt sich also letztlich der ethische Hintergrund des geistigen Wissens Platons. Wir leben alle irgendwie zusammen – aber können wir auch nachhaltig gut zusammenleben? Diese Frage hat eine sozialpolitische Konsequenz. Platon war ein politisch denkender Philosoph. Das griechische Wort politiké wird mit bürgerlich übersetzt. Eine polis war eine Gemeinde mit Bürgern, die sich selbst im Sinne eines Stadtstaates regierte. Die polis war also ein Siedlungskern mit Umland, welche gewisse Regeln des Zusammenlebens brauchte.
Um uns möglichst gute und brauchbare Regeln zu vermitteln, schrieb Platon sein berühmtes Werk »Politeia«, was zumeist mit »Der Staat« oder auch »Die Republik« übersetzt wird. Das ist aber nicht ganz korrekt, denn der griechische Begriff politeia bedeutet eigentlich »Verfassung«, also das, was eine bürgerliche Gesellschaft in der polis gut zusammenleben lässt. Politik in diesem Sinne bezieht sich also nicht auf unser heutiges Verständnis (oder soll man besser sagen: Unverständnis?) von Parteipolitik. Politik ist bei Platon die Kunst und Wissenschaft des Zusammenlebens, und diese Definition ist bis heute wohl unübertroffen. Politik als Kunst des Zusammenlebens, das klingt vielleicht etwas theatralisch oder poetisch, doch hinter dem Begriff »Kunst« steckt mehr als wir glauben. Das altgriechische Wort, das wir mit Kunst übersetzen, lautet techne, wovon sich auch unser Begriff »Technik« ableitet.
Platon führt aus, dass im Begriff techne zwei Aspekte gleichermaßen wichtig sind. Einerseits geht es um handwerklich orientiertes Können, und diese Ausrichtung auf die Anwendung und das Praktische hat techne mit der Kunst gemeinsam. Andererseits geht es um ein objektives Wissen, das wir eher unter dem Begriff Fachwissen verstehen. Zweifellos brauchen kreative Berufe, die mit Musik, Tanz, Malerei oder Bildhauerei zu tun haben, objektives Fachwissen; das gilt aber genauso für die Kochkunst, Kampfkunst, Heilkunst oder die Kunst ein Buch zu schreiben und ein solches auch herzustellen. Platon definiert »Kunst«, also techne, als ein »Sich-verstehen-auf« mit einer theoretischen und einer praktischen Seite. Weil techne auf gesichertem Wissen und allgemeinen Regeln aufbaut, kommt es zur Bedeutung von Theorie (griechisch theoria = Anschauung, Ansicht). Und weil techne ihren Ausdruck im Tun, im Erlebbaren hat, kommt es zur Bedeutung von Praxis (griechisch praxis = Handlung, Tat).
Nach Platon umfasst Kunst also sowohl theoretisches als auch praktisches Wissen. Und darin liegt der Unterschied zum reinen Wissen einer Wissenschaft im engeren Sinn, wofür die Griechen den Begriff epistéme verwendeten. Platons Schüler Aristoteles war der Erste, der theoretisches Wissen (epistéme, also Wissenschaft), vom praktischen Können (techne, also Kunst) trennte. In der abendländischen Kulturgeschichte wird dies als eine der großen Leistungen des Aristoteles angesehen. Viele Anhänger Platons (mich eingeschlossen) bezweifeln aber, dass wir durch diese Trennung das bessere Los gezogen haben. Wie hätte sich unsere »westliche Kultur« entwickelt, würde unser Welt- und Menschenbild auf der Einheit von Denken und Handeln und auf der Einheit von Theorie und Praxis aufbauen? Und welche Art von Ethik hätten wir dann heute? Alle unsere »Spezialisten« und Wissenschaftler kosten nur ein sehr kleines Stück der wohlschmeckenden, großen Torte, denn ihnen fehlt das Wissen über die Synthese.
           (Fortsetzung folgt)
Quellenhinweise:
Christoph Horn/Jörn Müller/Joachim Söder: Platon Handbuch; Verlag J. B. Metzler, ISBN 978-3-476-02193-9 • Thomas Werner: Platons klare Sicht zum Himmel; Frieling-Verlag, Berlin, ISBN 978-3-8280-2769-5 • Christina Schefer: Platons unsagbare Erfahrung; Schwabe Verlag, Basel 2001, ISBN 978-3-7965-1561-3 • Thomas Paulsen, Rudolf Rehn (Hrsg.): Platon: Timaios. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018285-9Karl VretskaPlaton: Der Staat. Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-008205-6. ©Günter Fischwenger << zurück